Big Data

Herr Watson wird erwachsen

Watson: ein geschickt gewählter Name mit starkem Marketing ausgerollt, mitunter gescholten und oftmals schlecht erklärt. Die frühen Marketingversprechen dürfen als „ambitioniert“ bezeichnet werden. Ein kleiner Blick zurück: IBM baute einen Supercomputer auf der Basis dutzender Power-Systeme jeweils mit mehreren Terabyte RAM (!). Benannt wurde das System nach dem IBM-Gründer Thomas Watson. Dieses System wurde mit Daten aus Wikipedia, Wörterbüchern und vielen anderen Quellen gefüttert. Eine elastische Suche, Sprachverarbeitungstechnologien und Expertensysteme versetzten den Rechnerverbund in die Lage, an der Quiz-Show Jeopardy teilzunehmen – und zu gewinnen! Das erste Mal im Februar 2011.

Eine Maschine besiegt die schlauesten quizzenden US-Amerikaner bei der Formulierung von Fragen wie „Was ist Stockholm“ auf die Aussage „Dublin, Stockholm, Paris“ in der Kategorie „Nördlichste Hauptstädte“. Geografische Fragen sind natürlich für einen Computer ein Kinderspiel, aber auch bei historischen Angaben glänzte Watson und konnte schneller als die menschlichen Kandidaten z.B. die Frage nach der Nachfolge von Christian Dior im Modehaus Dior beantworten, auch wenn es bei ihm da ein bißchen mit der Sprache haperte (mit seiner sehr amerikamischen Version von „Yves Saint Laurent“). Das Ergebnis war großartig und faszinierend. Der Computer gewann gegen die Menschen. Gut, das Preisgeld reichte nicht ganz, um die Entwicklungskosten abzudecken.

Mit Stolz ging das Unternehmen daran, viele andere Herausforderungen in die Hände von Watson zu legen. Dabei war Watson längst nicht mehr der Supercomputer-Verbund aus Jeopardy. Vor allem wurde der Begriff Watson immer schwammiger: Keineswegs war mit Watson immer der Supercomputer von Jeopardy gemeint, manchmal war es eben nur ein Software-Tool, manchmal die Cloud-Landschaft von IBM, mal eine IoT-Platform, mal KI-Technologie. Selbst in IBMs Geschichte kam es bislang nicht vor, dass die nahezu gesamte Linie an Produkten und Services unter einem Begriff vermarktet wurde. Das führte eben auch zu Enttäuschungen.

Inzwischen hat Watson, wenn man es so sagen möchte, die Pubertät fast schon hinter sich gelassen. „Er“ ist nicht mehr der alles besser wissende Kerl, der die Welt erobern oder zumindest umkrempeln will. Watson wird nun als Plattform beschrieben, mit der Anwender ihre IT-Aufgaben umsetzen können.

Watson Data Platform

Abbildung: IBMs „Watson“ ist nun eine Plattform für fortgeschrittene IT-Anwendungen. Quelle: IBM.

Viele Komponenten von Watson sind Open Source, beispielsweise für die Datenverwaltung und die Programmierung, teils mit erheblichen Veredelungen. „Notebooks“ genannte Anleitungen ermöglichen eine moderne Applikationsentwicklung. Die Notebooks erläutern dem Entwickler schrittweise, welche Funktionen aus den umfangreichen Programmbibliotheken für die Datensammlung, die Datenaufbereitung, die Analyse und die Visualisierung benötigt werden. Die Entwicklungsumgebung unterstützt neben dem klassischen Schreiben von Code auch die Programmierung mit Wizards oder das visuelle Modellieren von Analyseverfahren. Diese Form der Entwickler-Unterstützung sollte geeignet sein, anspruchsvolle Aufgaben auch dann zu entwickeln, wenn nicht alle Personen im Team ausgebuffte Python-Coder und -Coderinnen sind.

Noch ein Stück weiter geht das Paket „Watson Business Solutions“. Damit sollen aus vorgefertigten Funktionen individuell entwickelte Routinen und Dokumente, z.B. virtuelle Help-Desk-Agenten entstehen.

Watson Business Solutions

Abbildung: Watson Business Solutions bündelt zur schnellen Applikationsentwicklung vorgefertigte Funktionen für typische Unternehmensprozesse mit weiteren Watson-Technologien. Quelle: IBM.

Dahinter stehen wiederum Cloud Services, die als Software as a Service genutzt werden können. Watson hat sich also tatsächlich entwickelt: vom Tausendsassa zu einem Kollegen, der weiß, wohin man Daten packt und wie man Anwendungen entwickelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.