Benchmarking, Cloud Computing

Social Business Vendor Benchmark 2014: Anbieter für Social Enterprise Networking Suites im Vergleich

Heiko Henkes, Oliver Giering

 

 

 

Social Business Enterprise Networking Suites: Die „eierlegende Wollmilchsau“ der Social Software

Social Enterprise Networking Suites (SENS) stehen für professionelle Software-/ Service-Angebote, die die Zusammenarbeit und Kommunikation von Mitarbeitern auf den Ebenen Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement unterstützen. Ziel ist es, für Unternehmen Informationen zu verbreiten und Mitarbeitern eine zentrale Anlaufstelle an die Hand zu geben, um Informationen besser filtern und teilen zu können. Fernab von E-Mail bzw. Groupware-Ausprägungen, soll nicht nur die Zusammenarbeit hinsichtlich der Kommunikation sowie der Dateiaustausch vereinfacht werden. Ein funktionierendes Enterprise Social Network ist auch attraktiv zum Finden und Halten von Fachkräften und schürt das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen. Die Bereitstellung kann wahlweise OnPremise oder OffPremise bzw. als hybrides Modell erfolgen.

Lösungen ähneln hierbei nicht selten dem Facebook-Vorbild, sind aber aufgrund der Ausrichtung auf den professionellen Einsatz bezüglich des Designs flexibel anpassbar, sicherer und facettenreicher – speziell im Backend und der Integration in dieses.

Markttrends und Problemstellungen im Umfeld der SENS

Der Markt ist aufgrund der Historie vieler einzelner Bausteine heutiger Social Enterprise Networking Suites stark fragmentiert und äußerst heterogen.

Zum einen streben Anbieter aus der UCC-Heimat in diese Kategorie über den stetigen Zusammenbau von Lösungen, die sich auch über Zukäufe oder Weiterentwicklung von Instant Messaging, Conferencing bzw. Audio und Videochat-Anwendungen weiterentwickelt haben und eine zentrale Anlaufstelle für Mitarbeiten zur Kommunikation im Unternehmen und darüber hinaus bieten. Zum anderen gibt es schon lange Zeit Portal-Software-Anbieter, die eine Plattform liefern, die nach Belieben gestaltet bzw. gecustomized werden kann bzw. letztlich muss. Diese Flexibilität ist jedoch nicht immer wünschenswert. Außerdem fehlte in jüngster Vergangenheit gerade diesem Typ von Lösungen die gewisse „Sexyness“, die für Produktwerbung essenziell und vor allem nicht für alle potenziellen Käufer im ersten Schritt ersichtlich ist. Zudem ist die Einführung einer solchen offenen Portallösung meist von erhöhter Komplexität und somit Kosten- und Zeitaufwänden verbunden.

Weiterhin tummeln sich inzwischen auch viele standardisierte Out-of-the-Box-Lösungen am Markt, die relativ neu in die Thematik Social Enterprise Networking Suites eingestiegen sind. Solche Lösungen sind oftmals Cloud-basiert und bieten zusätzlich den On-Premise-Betrieb oder Mischkonzepte an. Dieser Typ Lösungen setzt meist auf Microblogging Features analog zum Facebook-Stil auf und bietet darüber hinaus weitere zusätzliche Features – ab und an auch App-Entwicklungswerkzeuge respektive -Templates zur stetigen Weiterentwicklung – an.

Es bleibt jedoch zusätzlich festzuhalten, dass es – Stand heute – keine Lösung schafft, in allen einzelnen Funktionalitäten gänzlich zu überzeugen. Oftmals wird neben der SENS noch zu einer weiteren Insellösung gegriffen, die sich in Ihrer Funktionalität als besser erweist. Zusätzlich sehen sich die Anbieter von einzelnen UCC- oder Document-Sharing-Lösungen immer mehr unter Druck gesetzt, da sich die Tendenz der Abkehr von Ihren Einzellösungen, hin zu einer allgemeinen Networking Suite fortsetzt. Die Integrationsfähigkeit der Stand-Alone-Lösungen sollte also nach wie vor oberste Priorität haben.

Aufgrund der starken Heterogenität dieses interessanten Marktes ist die weitere Entwicklung schwer abschätzbar. Fest steht an dieser Stelle jedoch, dass sich so gut wie alle Lösungen zur zentralen Anlaufstelle der Mitarbeiter im täglichen Business empor schwingen möchten und dabei die Kommunikation im Unternehmen auf ein neues Level der Interaktion heben wollen. Dies gilt unabhängig von der Historie des Anbieters oder der Lösung, also ob es sich primär um eine Toolsammlung (IM/Audio- und Videochat), moderne Standard-Suites (out-of-the-Box ready) oder extrem stark customizable Portal-Suites handelt.

Bewertung der einzelnen Anbieter

Im vergangenen Social Business Vendor Benchmark 2014 bewertete die Experton Group die Anbieter für Social Enterprise Networking Suites in Deutschland.

Die umfangreiche und durchaus heterogene Disziplin der Enterprise Networking Suites beherbergt insgesamt 28 Anbieter, von denen acht in den Leader

-Quadranten aufgenommen worden sind. Die Strategien der Anbieter differieren noch relativ deutlich in Bezug auf die Funktionspalette, deren Erweiterbarkeit und auch im GoToMarket bzw. in Bezug auf das Kundenzielsegment.

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Abbildung: Anbieterpositionierung Social Enterprise Networking Suites. Quelle: Experton Group AG.

Jive ist bislang nicht von einem großen IT-Anbieter übernommen worden und kann als einer der Pioniere in der Kategorie Social Enterprise Networking Suites betrachtet werden. Das Unternehmen behauptet sich neben anderen Lösungen bzw. Playern im Markt und gewinnt mehr und mehr an Boden – zumindest in Europa. In Deutschland ist die Kundenanzahl wie bei vielen anderen Suites noch überschaubar, wächst jedoch über wichtige Referenzkunden stetig weiter.

Dank guter Marketing-Arbeit schafft es Jive auch ohne eine große Historie, stets Präsenz im Markt zu zeigen und somit auch im Kontext von Ausschreibungen bzw. der bekannten Shortlist eine Rolle zu spielen. Im Gesamtkontext betrachtet, liefert Jive eine exzellente Plattform für Unternehmen, um soziale Interaktionen intern sowie extern auf einem hohen Niveau zu realisieren. Dabei spielt die Integration in Drittsysteme eine ebenso große Rolle wie auch das Thema Metadaten-Analyse. Jive bedient daher auch Unternehmen mit angestammten Infrastrukturen bzw. Ökosystemen in richtiger Art und Weise, so dass Mitarbeiter in dem gewohnten Aufgabenspektrum der täglichen Arbeit integriert werden. Ein Argument, dass speziell für Großunternehmen eine wichtige Rolle spielt und über den Erfolg einer Einführung von Social Software entscheiden kann.

Microsoft ist in vielen Unternehmen ein gesetzter und führender Player für Infrastruktur-Software sowie Produktivitäts-Software bzw. diverse Geschäftsanwendungen. Im Bereich Social Enterprise Networking Suites tritt Microsoft mit der Komination von Sharepoint als ursprüngliches Dokumentenmanagementsystem (DMS) sowie Yammer mit Fokus auf Microbogging an. Sharepoint ist bereits jahrelang in vielen Unternehmen jeglicher Branchen und Größenklassen die zentrale Dokumentenablage bzw. Collaboration-Plattform und Yammer als Neuzugang bzw. -zukauf erweitert das Portfolio um frische Social Features wie bspw. Microblogging und Activity Streams. Das Cloud-Tool Yammer ist zum derzeitigen Zeitpunkt bereits tief in Sharepoint integriert und wird stetig weiter mit der häufig noch auf On-Premise-Modellen basierenden Sharepoint-Welt verwoben. Sharepoint selbst entwickelt sich dabei auf der Social-Feature-Seite zunehmend weiter und bekam eigene Newsfeeds, Hashtags und auch einen App-Katalog bestehend aus vielen Erweiterungen spendiert. Die Adminstration der Suite über dedizierte Adminstrationskonten versteht sich hierbei von selbst. Sharepoint allein bietet von Grund auf eine Fülle von Funktionen und steht für die Unterstützung einer geordneten und strukturierten Arbeitsweise von Unternehmen, kann aber bislang im Alleingang nur sehr schwer mit neu entwickelten Social-Software-Lösungen in diesem Segment konkurrieren. Diese Art von Lösungen verstärkt die dynamische und teilweise gewollt unkoordinierte Zusammenarbeit für den geforderten Kreativitätsgewinn. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung in diesem Punkt ist aber seitens Microsoft nicht von der Hand zu weisen, so dass neben neuen ansprechenden Sharepoint-Designs permanent Features aus der Kategorie Analyse, Sharing bzw. Social hinzukommen.

Ferner wird auch großer Wert auf die Wahlfreiheit bei dem Betriebs- bzw. Liefermodell gelegt. Die Liefermodelle lassen jegliche Form des Hostings, On-Premise-Betriebs bzw. Cloud—Modelle aus globalen oder lokalen Rechenzentren zu.

Die Strategie von Microsoft ist insgesamt als durchaus überzeugend zu bewerten und bietet mittels eines reichhaltigen Portfolios aus Cloud- und On-Premise-Diensten für jeden Geschmack respektive jede Unternehmenskultur eine adäquate Lösung. Die Roadmap von Microsoft sieht eine kontinuierlich vertiefte Integration von Yammer in Office, Office 365, Dynamics (CRM), Sharepoint (auch SkyDrive Pro) und Skype vor. Tools bzw. Funktionen zur Unterstützung von Marketing-getriebenen Unternehmen sind dagegen nicht direkt vorgesehen.

Als Cloud-CRM-Pionier und der Vision interaktiv an zentralisierten und von überall abrufbaren Datensätzen zusammenzuarbeiten, gelingt es Salesforce inzwischen in verschiedenen geschäftsrelevanten Disziplinen alteingesessenen Anbietern den Rang abzulaufen. So auch in Bezug auf das Social Enterprise Network Chatter, das von Cloud-Standards und tiefer Integration im Salesforce-Universum und darüber hinaus profitiert. Das Prinzip von Chatter war von der Geburtsstunde an, unternehmens- bzw. anwendungsübergreifende Kommunikation zu ermöglichen. Ferner führt Salesforce über „Identity“ ein Single Sign On Tool ein, das es vor allem örtlich diversifizierten und somit in heterogenen IT-Landschaften operierenden Unternehmen ermöglicht, digitale Identitäten bzw. System-Zugriffe sicher und effizient zu managen. Weiterhin stellt sich Salesforce über das frische Announcement, den originären Cloud-Service nun auch über die HP Converged Infrastructure Cloud aus einem deutschen Rechenzentrum anzubieten, den immer lauter werdenden Anforderungen bzw. Ängsten vieler lokaler Unternehmen. Das Feuerwerk an Bekanntmachungen schließt dabei auch die kostenlose Dreingabe eines Enterprise App Stores ein, über den Administratoren die Vielzahl an Applikationen des angebundenen Ökosystems verwalten und gemäß Rechtemanagement verteilen können.

Salesforce mausert sich über verschiedene Teilaspekte der Portfolio- und Feature-Erweiterung zu einem echten Enterprise-Service-Anbieter mit Gespür für Innovation und zunehmend auch Sicherheit bzw. deutsche Bodenständigkeit.

Chatter macht sich die gesamte Salesforce-Plattform mit der force.com als „Cloud-Mall“ und Cloud-Entwicklungsplattform zu Nutze und ermöglicht damit eine im internationalen Kontext als sehr stark zu bewertende Geschäftsplattform mit hoher Diversität im Leistungsangebot und großer Flexibilität in Bezug auf die Applikationsausprägungen.

IBM ist in der Liga der großen IT-Anbieter bereits viele Jahre in dem Thema Collaboration und auch dezidiert im Social Business verankert. Die Enterprise Networking Suite Connections wurde 2007 auf der Lotusphere vorgestellt und seither kontinuierlich weiterentwickelt.

Auf Basis des breiten Lösungsportfolios von IBM besteht eine tiefe Integration in weitere Produkte wie bspw. Sametime, Notes, Domino sowie Filenet und WebSphere. Die Übernahme von Kenexa, im bedeutenden Feld Talent Management, unterstreicht erneut die Bedeutung der Social-Strategie für IBM. Diese Vielfalt und Integrationstiefe sucht generell ihresgleichen, verkompliziert aber parallel auch den Zugang für potenzielle Kunden. Nicht umsonst bietet IBM mit der Redbook-Reihe Leitfäden für Integration und Betrieb an. Mit einer beinahe übermächtigen Funktionsvielfalt kommt IBM Connections mit hoher Integrationsvielfalt sowie Individualisierbarkeit daher, so dass in den meisten Fällen nur ein Bruchteil dessen genutzt wird, was tatsächlich vorhanden oder gar möglich ist. Connections bietet alle Standard Enterprise-2.0-Funktionen wie Blogs, Wikis, Activity Streams, Document-Sharing, Profile, E-Mail und Kalender-Integration. Die Weiterentwicklung implizierte das schrittweise Hinzufügen wesentlicher Bestandteile einer kompletten Suite inkl. der wichtigen Explorer-Integration für den Dateiupload aus der vielmals gewohnten Windows-Arbeitsumgebung. Ferner schreibt IBM die Worte Produktivität und Colloboration groß, indem auch auf mobilen Endgeräten kooperativ an Dokumenten gearbeitet werden kann – hier unterstützt man das Open-Document-Format. Dies ist in puncto Produktivität eine derzeit noch besonders hervorhebenswerte Disziplin, denn viele Wettbewerber bieten derzeit in der Regel gerade einmal die Betrachtung verschiedener Dokumenttypen wie beispielsweise Doc(x) und Pdf an.

Bei jeglichen Funktionalitäten in diesem Kontext berücksichtigt IBM immer auch die Business-Anforderungen und bringt dabei die nötige Sicherheit und Performance in Form von Desaster Recovery-Plänen und redundanten Systemen mit. Dies gilt auch für sog. Social Bridging, über das man auch externe Geschäftspartner mit in das Netzwerk integrieren kann.

IBM hat einen starken lokalen Footprint in Deutschland vorzuweisen, ist aber auch als internationaler Anbieter mit vielen Ressourcen über den gesamten Globus verteilt. Das Partnernetz ist dabei ebenfalls sehr engmaschig, tut sich aber im Vergleich mit Microsoft schwer. Die Vision von IBM, Social Business als übergreifendes Thema zu begreifen, zeigt sich nicht nur über die Integration innerhalb des eigenen Portfolios, sondern auch in der mannstarken Consulting / Service-Einheit, die Anwenderunternehmen verschiedenster Branchen dabei hilft, die für sie passende Lösung zu finden und zu integrieren. Trotz der langsam fortschreitenden Komplexitätsreduzierung ist die Connections Suite primär interessant für Unternehmen jenseits der 1.000 Mitarbeiter und daher für heterogene Enterprise Strukturen. In besonderem Maße ist diese Enterprise Networking Suite wertvoll für bestehende IBM-Kunden, die über die Integrationstiefe zum restlichen Portfolio eine ideale Ergänzung und Plattform der Zusammenarbeit bekommen.

Neben den Leadern haben sich im Rahmen der Researchphase für den Bereich Enterprise Networking Suite speziell drei Unternehmen bzw. Lösungen als besonders interessant und zukunftsweisend hervorgetan. Es handelt sich bei diesen Unternehmen um sogenannte „Rising Stars“, bei denen die Lösung bzw. das Portfolio viele interessante Aspekte zeigt und zugleich ein ausgewogenes und strategisch sinnvolles Management dahinter steht. Dennoch fehlen zumeist noch die Wettbewerbsstärke und/oder die Portfolioattraktivität für eine bessere Positionierung.

Der Rising Star „Tibbr“ von Tibco bringt Flexibilität, Kommunikationsverbesserung, leichtes Onboarding für „Frischlinge“ und erleichtert insgesamt den Austausch von Informationen auf Basis einer umfänglichen Enterprise-Network-Strategie. Über ein ausgewogenes Liefermodell und dem Anspruch auf Sicherheit über Penetrationstests in Verbindung mit starken Beratungs- und Integrationspartnern wie T-Systems, Accenture, Atos oder HP verfügt Tibco über eine ausgezeichnete Basis, in Deutschland weiter Fuß zu fassen.

 

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